12. Ausgabe Europa-Preises für das Theater
Ich denke, dass es für all diejenigen, die in Europa die Geschehnisse des Europa-Preises für das Theater verfolgen oder die dort arbeiten, eine wahre Freude ist, sich in Thessaloniki für diese 12. Ausgabe wieder zu treffen, zum zweiten Mal Gäste des Nationaltheaters Nordgriechenlands, mit dem finanziellen Beitrag des griechischen Kulturministers.
Es werden intensive und interessante Tage für alle sein, die, in welcher Rolle auch immer, daran teilnehmen werden. Das Programm dieses Jahres ist besonders reich und anregend, sowohl, was das künstlerische Profil angeht, als auch wegen der politischen Aspekte sowie jener der Bürgerrechte. Als stilistische Entwicklung und auch als tiefere Motivation der Frage, warum wir diese Art des Schauspiels betreiben und lieben.
Die Preisverleihung an Patrice Chéreau für sich alleine mag das Maß angeben, was eine Theaterlaufbahn europäischer Dimension bedeutet, in der von Frankreich nach Deutschland, nach Österreich und Italien, Theater, Oper, Musik, Kino und das Gefallen am Lesen von Texten – „die Freude am Text“ – zusammen kommen und sich abwechseln.
Die Arbeit und das Werk von Chéreau stehen im Mittelpunkt eines Symposiums, das Zeugnisse und Beiträge all jener versammelt, die den künstlerischen Werdegang des großen französischen Regisseurs und Schauspielers verfolgt und mit ihm in Theater, Oper und Kino zusammengearbeitet haben.
Wie üblich werden die Anwesenheit und der direkte Beitrag des Preisträgers von grundlegender Bedeutung sein: darüber hinaus wird Patrice Chéreau in „Coma“ von Pierre Guyotat, in der Regie von Thierry Niang - ein Werk, das eigens für diese Ausgabe des Europa-Preises für das Theater geschrieben worden ist - selbst als Schauspieler auf der Bühne stehen. Zusammen mit Dominique Blanc wird Chéreau auch in „La douleur“ von Marguerite Duras spielen. Die Erstvorführung des Films „La Maison des Morts“ von Stéphane Metge wird die Hommage an den vielseitigen französischen Regisseur abrunden.
Die Perspektiven neuen Theaters in seinen verschiedenen Ausdrucksweisen beschäftigt seit der Geburt des Europa-Preises für Neue Theaterwirklichkeiten eine Jury, die sich der Hinweise eines Rates bedient, der durch die Kandidaturen auf aufstrebende Künstler aus allen Teilen Europas aufmerksam macht. All dies – was auch bereits in den Jahren geschah, als der europäischen Kontinent noch politische Barrieren und „Mauern“ kannte – hat oft verschiedenen Realitäten auf internationaler Ebene zur Sichtbarkeit verholfen und ihnen Raum gegeben, auch bevor ihnen oder ohne, dass ihnen eine spezifische Anerkennung zugeteilt würde. In diese Richtung geht die Aufmerksamkeit, die seit einiger Zeit Künstlern wie der Gruppe Rimini Protokoll, Krzysztof Warlikowski und Sasha Waltz gewidmet wird. Die beiden letztgenannten sind seit 1999 Kandidaten für den Preis. Diese Künstler, die sich bereits auf der internationalen Bühne behauptet haben, werden dieses Jahr für ihre Qualität und für die ihre Arbeit charakterisierenden innovativen Elemente prämiert.
Das Kollektiv Rimini Protokoll stellt „Mnemopark“ von Stefan Kaegi und die Erstvorführung des Films „Wahl Kampf Wallenstein“ in der Regie von Helgard Haug und Daniel Wetzel vor; Krzysztof Warlikowski führt „Cleansed“ von Sarah Kane auf.
Es wird nicht an Zusammentreffen und Gesprächen mit den Preisträgern mangeln, um ihre Herangehensweise an die Bühne und an die Idee selbst von „Aufführung“ zu vertiefen.
In dieser Ausgabe ist auch beschlossen worden, in der Kategorie Europa-Preis für Neue Theaterwirklichkeiten dem Freien Theater Minsk aus Weißrussland (Belarus Free Theatre) aufgrund seines Widerstands gegen die Unterdrückung durch die weißrussische Regierung eine besondere Erwähnung zuteil kommen zu lassen – auf Vorschlag von Vaclav Havel, Harold Pinter und Sir Tom Stoppard.
Diese besondere Erwähnung betrifft zweifelsohne den Wert der Gruppe und die „dringende Notwendigkeit“ von Theater im schwierigen Umfeld, in dem sie sich bewegen; zugleich fordern sie das Europa der Kultur auf, eine Haltung der öffentlichen Anklage und des Protestes gegen jedes Hindernis einzunehmen, das auf dem Kontinent einer Ausdrucksfreiheit entgegensteht, die vielleicht dem jeweiligen örtlichen Establishment nicht passt, da es jedes kulturelles und künstlerisches Nichtanpassen schlecht leidet.
Das Freie Theater Minsk wird mit drei Schauspielen vertreten sein: „Generation Jeans“, inszeniert von Nikolai Khalezin; „Being Harold Pinter“, Regie von Vladimir Scherban sowie eine Erstaufführung, die eigens für den Europa-Preis geschrieben wurde, das ebenfalls von Vladimir Scherban inszenierte „Zone of Silence“. Ein Zusammentreffen und eine Konferenz werden die Hommage an das Freie Theater Minsk, an ihre Arbeit und an ihren Einsatz vervollständigen.
Die Sektion Rückkehrer bietet den „Hamlet“ von Shakespeare und es ist das absolut erste Mal, dass dieses Work in progress in der Inszenierung von Oskaras Korsunovas (Europa-Preis für Neue Theaterwirklichkeiten 8. Ausgabe) gezeigt wird. Die europäischen Kulturhauptstädte Stavanger in Norwegen 2008 und Vilnius in Litauen 2009 sind Koproduzenten des „Hamlet“. Die Teilnahme der Truppe des von Korsunovas geleiteten Theaters OKT am Europa-Preis in Thessaloniki ist auch dank des Beitrags des litauischen Kulturministeriums möglich gewesen.
Die Events werden von der Buchvorstellung „Giorgio Strehler ou la passion théâtrale/Giorgio Strehler or a passion for theatre“ abgerundet, herausgegeben vom Europa-Preis für Theater. Der Band erscheint anlässlich des zehnjährigen Todestages des Meisters.
Bei unserem diesjährigem Programm wollen wir auch die Rolle und die Bezüge des Ortes, an dem wir zu Gast sind, nicht vernachlässigen, seine lebhafte Gegenwart und seine tief greifenden Wurzeln.
Griechische Perspektiven versammelt daher einige bedeutende Beiträge zur diesjährigen Ausgabe. Unter dem Beiprogramm weisen wir auf das von der Griechischen Vereinigung der Theater- und Musikkritiker organisierte Kolloquium, in Zusammenarbeit mit der Internationalen Vereinigung der Theaterkritiker und dem Nationaltheater Nordgriechenlands. Bei der Preisverleihungszeremonie steht uns das Werk des Bühnenbildners Yannis Metzikof zur Verfügung; die von Tasos Ratzos inszenierte Bearbeitung der „Bacchantinnen“ kann uns durch diese letzte von Euripides geschriebene und posthum eben hier in Mazedonien aufgeführte Tragödie an Sinn und Funktion einer Kunst erinnern, die im Abendland von ihren Ursprüngen bis zu unseren Tagen nicht aufhört, sich über sich selbst zu befragen.
Darüber hinaus werden von dem Europa-Preis angegliederten Körperschaften organisierte Parallel-Ereignisse stattfinden: die Generalversammlung der Union des Théâtres de l’Europe die Versammlung der Convention Théâtrale Européenne, der Association Internationale des Critiques de Théâtre und des Instituto Internacional del Teatro del Mediterraneo. Die Erfahrung des Europa-Preises für das Theater in griechischen Landen hat 2004 mit einem Treffen von Elie Malka und Iphigeneia Taxopoulou beim griechischen Kulturministerium in Athen angefangen, ist im Jahr 2006 durch eine Übereinkunft für die Jahre 2007/2008 auf Wunsch dieses Ministeriums konkretisiert und sofort mit Enthusiasmus vom Nationaltheater Nordgriechenlands in Thessaloniki aufgenommen worden. Tatsächlich hat der Intendant der Nationaltheaters Nordgriechenlands Nikitas Tsakiroglou mit seinen Mitarbeitern auf konkreter Ebene die Organisation der Veranstaltungen des Europa-Preises für Theater in Griechenland ins Leben gerufen. Die Zusammenarbeit zwischen dem Nationaltheater Nordgriechenlands und dem Europa-Preis für das Theater ist vom ersten Augenblick an von einem Geist großen gegenseitigen Verständnisses und von jener Freundlichkeit und Wärme geprägt gewesen, die die beiden Institutionen in derselben mediterranen kulturellen Identität gemeinsam haben, die wiederum den grundlegenden Ursprung der europäischen kulturellen Identität bildet. Wir glauben, dass heute ebenso gilt, was Giorgio Strehler anlässlich der ihm gewidmeten dritten Ausgabe des Europa-Preises für das Theater zu sagen hatte: „Dieser Preis fördert die Geburt eines Europa der schönen Dinge, der menschlichen Dinge, der Dinge, die das Theater wie jede andere Tätigkeit des menschlichen Geistes betrifft… Also wollen wir im Rahmen unserer Tätigkeiten am Europa-Preis für das Theater teilnehmen. Daher versuchen wir, uns zu vereinigen, um unseren gemeinsamen Ideen mehr Kraft zu geben. Ich hoffe, dass in den kommenden Jahren diese Vereinigung und dieser Wille auch von anderen Kräften unterstützt werden, die entschlossen sind, mit uns zusammen zu arbeiten…“ Dies war der inspirierende Wunsch und die ebenso inspirierende Arbeitsgrundlage des Gründers der Union des Théâtres de l’Europe. Wenn man diese Perspektive der Zusammenarbeit und des Austauschs betrachtet, von der wir hoffen, dass sie sich mit der Zeit weiterentwickelt, obgleich heute das europäische Theater von einigen spaltenden Kräften in seinem Inneren bedroht zu sein scheint, möchten wir den angegliederten Körperschaften und den Unterstützern des Europa-Preises danken: in der Sicherheit, dass unsere gemeinsame Arbeit sich noch besser und noch mehr konsolidieren lässt, besser zusammen geschweißt werden, weitere Entwicklungsfelder finden und neue, fruchtbare Zusammenarbeit öffnen kann. In dieser Hinsicht hat 2006 das International Theatre Institute der UNESCO mitgearbeitet, dieses Jahr kommt eine neu angegliederte Körperschaft zum Europa-Preis hinzu: die Association Européenne des Festivals.
Ein besonderer Dank geht an den griechischen Kulturminister Michalis Liapis für seine Unterstützung der diesjährigen Ausgabe. Wir möchten auch dem Generalsekretär des griechischen Kulturministeriums Theodoris Dravillas für das Interesse danken, mit dem er den Europa-Preis aufgenommen hat.
Schließlich danken wir dem Intendanten des Nationaltheaters Nordgriechenlands Nikitas Tsakiroglou, Amalia Kondoyanni und dem ganzen Personal des Theaters für die freundliche Aufnahme und für den wichtigen Beitrag zur Organisation dieser Veranstaltung in Griechenland in diesen letzten zwei Jahren und wir danken unserem eigenen Personal für den großen Einsatz und Enthusiasmus.
12. Ausgabe
Alessandro Martinez
Generalsekretär des Europa-Preises für das Theater